aus: "Schmerz ist..."
Vera war stehen geblieben und hatte ihre düsteren Grübeleien kurz unterbrochen, um sich zu orientieren. Wohin war sie denn hier geraten? Ausgerechnet heute hatte Sophie keine Zeit. Musste gleich nach der Schule nach Hause zum Mittagessen und dann am frühen Nachmittag zum Training: "Wir haben nächstes Wochenende unser Spiel. Wenn ich heute fehle, krieg ich keinen Platz in der Mannschaft. Lass uns morgen reden, ja?"
Aber Vera war heute wütend, fast noch genauso wie gestern. Sie hatte auch keinen Bock, nach Hause zu gehen. Die Eltern waren sowieso beide zur Arbeit. Das Mittagessen hätte sie sich selber machen müssen. Das Abendbrot übrigens auch, fiel ihr ein. Heute war "Oma-Tag". Einmal im Monat besuchten ihre Eltern im Seniorenheim eine alte Bekannte aus ihrer früheren Nachbarschaft. Und so war Vera mit ihrem Groll im Bauch, im Stich gelassen von Vater und Mutter, sogar von ihrer besten Freundin, den Kopf voller trüber Fantasien, ziellos durch die Stadt gewandert und versuchte, sich vorzustellen, wie sie vor Hunger und Einsamkeit in unbekannter Gegend zusammenbrach: Niemand wäre da, sie zu retten, niemand würde sie vermissen. Würde sich überhaupt jemand an sie erinnern? Ohne auf ihren Weg zu achten war sie immer weiter gegangen – weg vom hektischen Verkehrstrubel, so lange, bis es wenigstens um sie her ein bisschen ruhiger wurde.
Aber wo war sie jetzt? Sie fand sich fast allein in dieser Straße. Nur dort hinten bog gerade eine Frau mit ihrem Kind an der Hand um die Ecke, dann war es absolut still: keine Autos, nicht mal geparkte am Rand der gepflasterten Straße, keine Passanten auf den mit brüchigen Steinplatten ausgelegten Gehwegen. Die Rahmen der Fenster in den mehrstöckigen grauen Häuserfronten schienen schon vor Jahren ihre Hoffnung auf frische Farbe aufgegeben zu haben. In den engen, tief verschatteten Toreinfahrten keine spielenden Kinder. Verständlich, fand Vera. Diese Straße lud wahrhaftig nicht zum Spielen ein.
Waren alle Bewohner schon zu Hause? Kein Fenster stand offen, keine Musik, die irgendwo herauslärmte. Zum Lichtanmachen war es wohl noch zu früh. War hier überhaupt jemand zu Hause? Oder waren die Bewohner ausgestorben?
Natürlich nicht. Vor kurzem war da doch noch an der einen Ecke eine Mutter mit Kind gewesen, oder? Vielleicht gab es dort ein Straßenschild, dann wusste man wenigstens, wie die Straße hieß... Also los!
Zögernd machte Vera ein paar Schritte. Sie klangen fremd in dieser Umgebung. Die Mauern links und rechts warfen feindselige Echos zurück, als wehrte sich die in Stille erstarrte Straße gegen die lästige Störung.
Vera blieb stehen. Klang das Echo nicht ein wenig zu lange nach? War das überhaupt der Nachhall ihrer Schritte, oder war da doch noch jemand außer ihr unterwegs? Sie zwang sich zurückzuschauen.
Niemand. Natürlich. Vera hätte das gerne beruhigend gefunden.
Sie nahm ihren Weg wieder auf – und prompt war das zweite Schrittgeräusch wieder da. Aber bei dem plötzlichen Pulsieren in ihren Ohren konnte sie nicht unterscheiden, ob sie wirklich verfolgt wurde. Noch einmal anzuhalten traute sie sich nicht. Das Gefühl der Beklemmung in ihr wurde immer mächtiger.
Plötzlich hatte Vera die Vorstellung, dass hinter den dunklen Fenstern zahllose Augenpaare unsichtbar auf sie gerichtet waren und jeden ihrer Schritte, jede ihrer Bewegungen beobachteten. Die auf ein Zeichen von Schwäche lauerten, auf ein geheimes Kommando warteten. Als könnten von einem Augenblick auf den anderen überall die Türen aufspringen und ganze Scharen der verborgenen Bewohner aus den Häusern stürmen und über sie herfallen, sie würgen, sie aussaugen und genauso schnell, wie sie gekommen waren, in ihre lichtlosen Behausungen zurück hasten, während von Vera nur eine leere, schlaffe Hülle auf dem Gehsteig nachbleiben und allmählich eintrocknen und sich in der langsam einsetzenden Dämmerung auflösen würde.
Mit aller Kraft kämpfte sie ihren Panikanfall nieder. Zur Ecke!, mahnte sie sich. Das Straßenschild an der Ecke würde ihr verraten, wo sie sich befand. Dann wurde alles gut, hoffentlich!
Es gab kein Straßenschild an der Ecke.