Leseprobe 1 aus 'Es gibt keine Gespenster'

aus: "Die Entscheidung"

... und so hätte es eigentlich eine stille und friedvolle Nacht werden können.

Aber plötzlich erhob sich um Mitternacht ein ohrenbetäubender Lärm. Lautes Scheppern und Schläge von Metall auf Metall, sowie wilde Rufe rissen die Schläfer aus ihrer Ruhe.

Die Kinder stürzten ans Fenster. Schlugen da nicht im Mondschein unten auf dem Wehrgang zwei voll gerüstete Ritter aufeinander ein?

"Sie ist mein!", tönte es dumpf aus dem Helm des einen und zwei Schwerter klirrten gegeneinander.

"Nimmermehr wirst du sie gewinnen!", tönte es genauso dumpf zurück und wieder schlugen die Waffen zusammen.

Diana lehnte sich weit aus dem Fenster, um nur ja nichts zu verpassen. "Hättest du das gedacht, dass sie es wirklich tun?"

Michaela reckte den Hals. "Ehrlich gesagt, nein. Findest du nicht, dass sie übertreiben? Die gehen ja richtig hart zur Sache!"

Die beiden eisenbewehrten Kämpfer schlugen erbarmungslos aufeinander ein. Gerade zerspaltete der eine mit einem gewaltigen Schwerthieb den Schild des anderen. Diana zuckte zusammen. "Zeit für deinen Auftritt.", meinte sie und holte schnell das Bettlaken mit den frisch hinein geschnittenen Augenlöchern. "Halt still!" Sie streifte es Michaela über und zog die Falten zurecht. "Kannst du genug sehen?"

"Es geht schon."
"Na, dann raus mit dir, bevor sie richtig Ernst machen!"

Inzwischen waren überall die Fenster aufgegangen. Einige Jungen hatten begonnen, die Kämpfer anzufeuern: "Los, Marco, zeig’s ihm!", oder "Lass dich nicht unterkriegen, Kay!"

Alle konnten jetzt sehen, wie sich den wild um sich schlagenden Rittern im bleichen Mondlicht eine weiß gewandete Gestalt näherte. Noch hatten die Kämpfer sie nicht bemerkt.

Unmittelbar vor den Duellanten blieb die Gestalt stehen und hob beide Arme. "Halt!", gebot sie mit lauter Stimme. Die Kämpfer ließen die Waffen sinken und drehten sich zu ihr um.

"Das macht sie richtig gut, oder?" Diana wandte sich begeistert an die anderen Mädchen. "Kay und Marco sind aber auch nicht schlecht.", fanden einige.

Da geschah draußen auf dem Wehrgang etwas Unerwartetes. Die beiden Rittergestalten schritten eisenklirrend auf die weiße Gestalt zu. Dann knieten sie vor ihr nieder. "Jungfer Edelgard!", ertönten dumpf ihre Stimmen. "Bitte trefft Ihr Eure Wahl. Für wen entscheidet Ihr Euch?"

Das verschlug Michaela für einen Moment die Sprache. Doch dann richtete sie sich hoch auf: "Was soll das alberne Getue? So wie ihr euch die letzte Zeit benommen habt, will ich gar keinen von euch! Was bildet ihr euch ein!"

Anerkennende Pfiffe ertönten aus den Fenstern ringsum, sowohl von den Mädchenzimmern als auch von denen der Jungen.

Die beiden Gepanzerten bewahrten eine Weile starr ihre kniende Haltung. Nach geraumer Zeit erhoben sie sich und sahen einander stumm an. Dann wandten sie sich ab und traten an den Außenrand des Wehrganges. Ganz kurz verhielten sie da, dann stürzten sie sich mit gellendem Schrei über die Brüstung in die Tiefe.