Leseprobe 2 aus 'Es gibt keine Gespenster'

aus: "Kindgerechte Unterhaltung"

Der Gang endete vor einer reichlich mit altertümlichen Schnitzereien verzierten zweiflügeligen Tür. Selbst bei dem spärlichen Dämmerlicht sah man deutlich, dass von der einstigen prächtigen Bemalung nur noch Reste nachgeblieben waren. Überhaupt machte das ganze Gemäuer einen heruntergekommenen Eindruck. Im Gang lag teilweise knöchelhoch der Sand - und von der Decke herab hingen Spinnweben.

Herr Weber nickte anerkennend: Die Veranstalter hatten bis in alle Feinheiten eine realistisch wirkende Schaueratmosphäre geschaffen. Aber wie hatten sie nur den Modergeruch erzeugt? Jetzt danach zu fragen, hätte natürlich die unheimliche Stimmung verdorben. Aber morgen früh würde er sich auf jeden Fall erkundigen. Eben jetzt, da die hohe graue Gestalt an ihnen allen vorbei schritt, verstärkte sich der Geruch noch. Einfach fabelhaft!

Als der Unheimliche im grauen Mantel Sabrina passierte, hob er wie zufällig die blasse Hand und streifte leicht ihren Nacken. Sabrina zuckte zusammen und warf den Kopf herum, dass ihre Haare heftig durch die Luft wirbelten. Jan hatte schon Angst, sie würde mit dem Schwung wieder einen ihrer Ohrringe wild durch die Gegend schießen. Der Graue zog hastig seine Hand zurück, als hätte er sich verbrannt, machte einen schnellen Bogen um Sabrina herum und schritt weiter nach vorne.

An der Tür drehte er sich um. Der Blick seiner rötlich schimmernden Augen schweifte noch einmal über die ganze Klasse und blieb wieder auf Sabrina haften. Sie ließ die Hand mit dem immer noch schmerzenden Finger sinken und verbarg sie hinter ihrem Rücken.

"Was ist los?", flüsterte Jan.

"Ich weiß nicht. Mir gefällt das alles nicht." Auf ihrem Rücken fühlte sie ganze Armeen von Ameisen auf und nieder krabbeln.

Der Unheimliche öffnete die Tür, machte eine einladende Bewegung mit der Hand und ging voran.

Jan drehte sich ungeduldig zu Sabrina um. "Kommst du nicht?"

Sie stand zitternd mitten auf dem Gang, als seien ihre Füße festgewachsen. Von der noch offenen Tür her erklangen Schritte. Da löst sich ihr Bann. "Komm!" Sie griff hastig nach Jans Hand und zog ihn schnell mit sich in eine Mauernische.

Die Gestalt im grauen Gewand erschien groß und dunkel im Türrahmen. Ganz kurz sah man ein rotes Augenpaar aufleuchten, dann klappte die Tür zu. Erst hinterher bemerkte Sabrina, wie heftig ihr Herz klopfte. Eine ganze Weile versuchte sie, ihren Atem zu beruhigen. Dann erst ließ sie Jans Hand los.

"Hast du die roten Augen gesehen?", fragte sie.

"Ja, hab ich gesehen. Die sind ganz schön gerötet. Wahrscheinlich hat er Augenentzündung. Kein Wunder bei all dem Staub hier."

"Und wie er meinen Finger angestarrt hat?"

"Deinen Finger?"

Sie zeigte ihm das blutige Pflaster. "Seitdem leuchten seine Augen so rot. Seit er das Blut gesehen hat."

Jan brauchte eine Weile, ehe ihm dämmerte, worauf Sabrina hinaus wollte. "Meinst du etwa… Nee, oder? Du willst mir doch nicht weismachen, der komische graue Typ ist auf Blut aus!" Ganz tief in seinem Bauch begann es heftig zu glucksen und seinen ganzen Körper zu durchbeben. "Du glaubst im Ernst…" Er fing an zu keuchen: "Ha ha, du meinst wirklich, der ist…" Er prustete los: "… ein Vampir? Das glaubst du?" Er hielt sich den Bauch. "Ich fasse es nicht!" Er bekam schon keine Luft mehr vor Lachen. Erschöpft ließ er sich gegen die Wand sinken, um zu Atem zu kommen.

In diesem kurzen Moment der Ruhe hörten sie es - nur ein einziges Mal: "Hilfe!"

Es schien aus dem geschlossenen Saal vor ihnen zu kommen. Dann fiel irgendwo ferne eine Tür ins Schloss.

Danach war Stille.