Grimms Fall
Leseprobe

"Sie machen sich kein Bild, wie sehr man in seinen Möglichkeiten eingeschränkt ist - als Zwerg!", brach es aus dem Befragten heraus.

Grimm nickte verstehend - oder hoffte wenigstens, dass sein bedächtiges Kopfsenken so wirkte. "Wahrscheinlich in vielen Bereichen...", tastete er sich vor.

"In allen! Was tun normal große Menschen schon alles, um ihr Unterlegenheitsgefühl zu kompensieren: züchten Riesenkürbisse, lassen sich in Vorstände wählen, gehen in eine Partei, kleiden sich aufwändig, drängen auf die Bühne - alles Möglichkeiten, die unsereiner nicht hat: Wer wählt schon einen Zwerg in den Stadtrat? Suchen Sie mal elegante Kleidung in unserer Größe! Und der erste Platz im Kürbiszüchten des Gartenvereins? Das Zeitungsfoto wäre eine Lachnummer!"

"Sie sprechen sehr offen... und sehr bitter!" Grimm blätterte verlegen in den Bildern und hoffte, dass der andere sich etwas beruhigte. "Das Stichwort ‚Bühne' haben Sie schon erwähnt." Grimm tippte auf eines der Fotos.

Der andere warf einen widerwilligen Blick darauf. "Die Rollenauswahl ist für uns naturgemäß begrenzt. Man ist immer wieder auf die gleichen Märchenthemen festgelegt."

"Dies hier scheint aber aus einer sehr modernen Inszenierung zu stammen. Wenn ich es richtig deute, schiebt das Rotkäppchen einen toten Zwerg von der Bühne?"

"Alles gestellt!", beeilte sich der Zwerg zu versichern. "Der war nur scheintot, ich meine: gar nicht tot, er tat nur so. Gar kein echtes Blut! Es gehörte zur Geschichte. - Der wohnt hier jetzt auch gar nicht mehr - irgendwo anders, oder so..."

Grimm hörte sich befremdet das nervöse Gehaspel an.

...

Es klopfte.

Bevor Grimm reagieren konnte, ging die Tür schon auf. Bechstein trat ein und legte dem Inspektor schwungvoll einen Umschlag auf den Schreibtisch.

"Endlich!" Grimm riss ihn auf.

Der Praktikant trat hinter ihn und blickte ihm neugierig über die Schulter. Er stieß einen Pfiff aus.

"Nun weiß ich auch, warum der Laborant so lange gebraucht hat: Wahrscheinlich hat er für sich selbst noch einen Satz Abzüge gemacht, bevor er den Film zurückgeben musste..."

Grimm hob abwehrend die Hand, war aber froh, dass niemand von ihm verlangte, sie ins Feuer zu legen. Die Bilder waren eindeutig zweideutigen Inhalts: Zwerg in verfänglicher Situation mit verschiedenen Frauengestalten - teilweise furchterregend hässlich, abstoßend, dick - vor allem aber groß! So also hatte der fehlende Zwerg kompensiert.

"... dreizehn, vierzehn, fünfzehn Bilder allein mit der ganz Dicken.", zählte Bechstein nach. "Das kann man schon obsessiv nennen."

Grimm glaubte ungefähr zu verstehen, was der Praktikant gemeint hatte. Aber dass dieser Kerl so ein Wort ganz beiläufig einstreuen konnte, beunruhigte ihn.

"Und mit was für Gestalten sich der Kerl eingelassen hat. Hier: wie eine Harpyie!"

Leicht hilflos fiel der Inspektor in das Kopfschütteln des jungen Strebers mit ein. Er förderte ein Foto nach oben, dass den Zwerg alleine zeigte: sitzend auf einem Nagelbrett.

"Ein Sado-Masochist!" Grimm war froh, dass er den Ausdruck ohne zu stottern über die Lippen gebracht hatte. Er gewann ein wenig Sicherheit zurück. "Das sind Leute, die sich durch Zufügen von Schmerzen erregen.", setzte er nach.

"Man sieht es.", bestätigte Bechstein. "Eindeutig ithyphallisch!"

Grimm fühlte sich, als werde ihm plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen. Er konnte einen ratsuchenden Blick in die Augen seines Gesprächspartners nicht mehr rechtzeitig abwenden.

Bechstein tippte mit dem Zeigefinger auf die Stelle des Bildes, die er meinte. Grimm spürte ein unpassendes Ziehen in den Lenden.

"Wie auch immer!" Er raffte den Stoß Fotos wieder zusammen und stopfte sie zurück in den Umschlag. "Sein Gesicht ist jedenfalls wieder nicht zu sehen. Ich denke, ich werde dem Kriminaldirektor einen Zwischenbericht geben."


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