Sandora
Leseprobe

Das Haus kannte ich. Ich war hier schon öfter rumgestreift. Die meisten nennen es das Armenhaus. Früher war das mal eine schöne Villa mit vielen Tannenbäumen um einen großen Rasen. Aber nun war sie brüchig und die Bäume hatten die letzten Bewohner gefällt und kreuz und quer im Gras liegengelassen, als sie wegzogen.

Und jetzt wohnte Sandoras Familie also hier. Ich bemerkte, dass die Stämme weg waren. Wir lehnten am Zaun und kauten an einem Stück Kuchen, den sie ihrem kleinen Bruder weggenommen hatte. Warum kam der auch angescheddert und sagte zu ihr: "Der steht mir zu und du kannst nichts machen!" Sie konnte doch was machen: Sie nahm ihm das Stück ab und gab mir die Hälfte. Ihr Bruder lief schreiend ins Haus.

Ich guckte beim Kauen auf das wirre Muster von braunen Streifen auf dem Rasen. Sogar das Moos war abgestorben. Das Holz hatte bestimmt den ganzen Sommer über gelegen. Mir kam kurz der Gedanke an Bettina, wie sie mit ihrem Kamin zu Hause angegeben hatte. Aber dann schüttelte ich den Kopf. Was ging es mich schließlich an?

Sandora war meinen Blicken gefolgt. Sie streckte den Arm aus. "Weißt du, was das ist?" Klar wusste ich das. Aber ich merkte schon, dass sie es mir erklären wollte. Da blieb ich stumm.

"Das waren die Außerirdischen. Keiner konnte bis jetzt die Zeichen verstehen." Mir blieb die Spucke weg und ich machte große Augen. "Ja, da staunst du. Eines Nachts landeten sie in einem Raumschiff und brannten mit ihren Strahlengewehren die Zeichen ins Gras."

Sie kam mit ihrem Gesicht ganz dicht und flüsterte: "Die wollen die Erde überfallen. Einige Menschen haben sie schon manipuliert."

Das klang einerseits irgendwie übel. Obwohl ... "Meinst du nicht eher, dass da den Sommer über Baumstämme gelegen haben?"

"Quatsch! Du hättest die mal sehen sollen, als die frisch waren: total verbrannt und - es roch nach Elektrizität." Was es nicht alles gab! Ich wusste ja nicht, ob gefällte Bäume nach Elektrizität riechen können.

"Habt ihr das denn den Reportern erzählt? Die sind doch ganz wild auf solche Geschichten." "Bist du verrückt? Vielleicht ist das der Befehl zum Angriff. Dann sehen die manipulierten Menschen überall das in der Zeitung - und dann gute Nacht! Willst du das?" Natürlich nicht, ich meinte ja nur ...

"Es gibt nur eine Chance für die Erde: Wir müssen die Verschwörer aufspüren und beseitigen. Bist du für uns oder gegen uns?"

Normalerweise bin ich ja gegen niemand - außer vielleicht Bettina und ihre Clique. Nicht mal gegen Frau Roggenburg. Aber Sandora, die war - meine Freundin. Sie war die einzige, die mit mir redete und nicht lachte. Und sie hatte mich zu sich nach Haus gebracht. Das bisschen Spinnerei fiel da wohl kaum ins Gewicht.

"Schwöre!" Also schwor ich, dass ich die Erde retten wollte, koste es auch Blut und Tod. Was hättest du gemacht?

"Sandra!" Mitten im Schwören rief ihr Vater. "Komm sofort ins Haus!" Wahrscheinlich hatte ihr Bruder gepetzt.

"Er hat Sandra gesagt!", fiel mir auf. In ihrem Gesicht zogen Schatten auf. "Hat er doch, oder?"

Sie biss sich auf die Lippen und sagte: "Komm mit! Du bist meine Zeugin."


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