Leseprobe aus Kapitel 3 von 'Piratentage'

Als sie die Promenade erreichten, war der Strand bis an die Wasserlinie dicht besetzt mit verwegenen Gestalten aller Größen und jeden Alters. Tim und Anja fanden nur einen Posten weit hinter dem Platz, wo rechts von der Sichelmole die Geschütze am Strand in Stellung gebracht worden waren. Die Kanoniere in ihren altertümlichen Uniformen hatten bereits ihren ersten Kampf zu bestehen: Immer wieder übertraten unbeaufsichtigte kleine Freibeuter die Absperrung, während ihre Seeräubereltern wahrscheinlich nur wenige Meter entfernt vergeblich in dem allgemeinen Chaos nach ihren Kindern suchten.

Die Piratenschiffe waren noch weit draußen auf der Förde. Die Wasserfläche davor war bis fast an den Strand übersät mit weiteren Segelbooten, dicht besetzt mit abenteuerlich kostümierten Neugierigen, die sich das Schauspiel von der Seeseite aus ansehen wollten. Der Standort hier oberhalb der Kanonen war vielleicht gar nicht mal schlecht. Es hatten sowieso nur noch Mütter mit kleinen Kindern die Chance sich im Platz zu verbessern. Sie schoben ihre Kindergarten-Piraten vor sich her und schafften es mit dem Satz: "Lasst doch den Kleinen durch!" eine Lücke zu öffnen, durch die sie dann blitzschnell mit durchschlüpften. Diesen Zauberspruch konnte man mehrmals hintereinander einsetzen, und schon war man ganz vorne dran, konnte den anderen Kindern die Sicht versperren und sich eisern taub stellen für alle, die mit demselben Trick ihr Glück versuchen wollten.

Bis zum Angriff der Piraten würde es noch eine gute Weile dauern. Die Piratenschiffe hielten noch immer ihre Position weit draußen auf der Förde. In ihrer Ungeduld zogen die Mini-Piraten schon mal ihre Plastiksäbel und gingen aufeinander los. Die ersten Tränen verschmierten die Schminke auf den Gesichtern und sorgten für Zank unter den Erwachsenen. Die friedlicheren Piraten erlegten nur die Quallen, die im Angespül langsam vertrockneten. Die erschreckten Jungmöwen waren urplötzlich selbständig geworden, hatten sich vor dem Krach weit aufs Meer zurückgezogen und konnten jetzt, wo es drauf ankam, zum Teil sogar fliegen. Die Möwenmamas waren bestimmt stolz auf ihre Brut!

Wumm!

Unversehens hatte der schwer berechenbare Wind die Angreiferflotte vorzeitig zum Angriff getrieben. Die Musketenschützen hatten das Feuer der Verteidiger eröffnet. Die Jungmöwen konnten plötzlich allesamt fliegen. Die tapferen kleinen Piraten am Strand hielten sich entsetzt die Ohren zu, fingen an zu weinen und flohen zu Papa und Mama auf den Arm.

Wumm! Wumm!

Kleine Fäuste wischten die tränenden Augen, lästig gewordene Augenklappen fielen herab und blieben unbeachtet im Sand liegen. Ein ganzes Heer von Eltern gab die eben noch trickreich erkämpfte Position ganz vorne am Wasser auf und strebte in Richtung Stadt, nur schnell weit weg!

Wumm, peng!

Das Feuer wurde von See her erwidert. "Ganz schön authentisch, was?" schrie Anja Tim versuchsweise ins Ohr. Aber der sah nur verwundert aus und brachte lediglich ein "Hä?" hervor, was Anja irgendwie beruhigte. Die Kanoniere in ihrer Nähe blickten aufmerksam in eine bestimmte Richtung und warteten offenbar auf ihr Einsatzzeichen, während die Musketen munter weiter schossen.

Wumm! "...vin-Oliv... bitte!" Krach, peng! Der Name war schlecht zu verstehen zwischen den Schüssen, aber sie hatten ihn doch erkannt: Kevin-Oliver, ihr alter Bekannter, Schrecken aller Fußgängerzonen, hatte sich von Mama losgerissen und offenbar beschlossen jetzt sofort die eine der Kanonen zu erobern. Das erwartete Zeichen war gerade gekommen. Ein Kanonier entzündete die Lunte, mit der der Kanonenschlag ausgelöst werden sollte, öffnete den Mund und hielt sich die Ohren zu. Ohne zu zögern stürzten Tim und Anja vorwärts und erwischten den Knirps, als er gerade unter der Absperrung durchschlüpfen wollte. Sie schnappten ihn beiderseits an den zu weiten Ärmeln seines längst fleckenübersäten Fischerhemdes und schleppten ihn zurück zur Mama. Bevor die auch nur die Stirn runzeln konnte, hatten sie den Rückweg in Richtung Kanone angetreten und sich hinter der Absperrung verschanzt.

Die Explosion hörten sie nicht mehr. Ein gewaltige Druckwelle hob sie empor. Alles um sie her schien sich zu drehen. Ein rasender Wirbel saugte sie auf, zog sie tief ins Dunkle und raubte ihnen die Besinnung.

Totenkopf