"Jetzt zu euch! Seid ihr's nun, oder seid ihr's nicht?"
Tims Blick kehrte in die Gegenwart zurück.
"Ich werde Tim genannt, wenn's darum geht. Und das hier neben mir ist An-, Andreas."
Er hatte zur Vorsicht schnell seinen Fuß beiseite gezogen, bevor Anja ihn treten konnte. 'Er macht sich', dachte sie.
"Namen tun nichts zur Sache."
Der Piratenkapitän maß sie von Kopf bis Fuß mit seinen Blicken.
"Ich hatte nicht erwartet, dass ihr so jung seid. Könnt ihr das, was ihr sollt?"
Anja spürte, wie jenes Gefühl von Unwirklichkeit wieder in sie hineinschlich. Es nistete sich im Magen ein, eroberte von da aus ihren ganzen Körper und drückte von unten gegen den Kehlkopf. Was sollten sie können? Hatte Tim eine Idee?
"Das kommt ganz darauf an ..." Gut so, ausweichen, Zeit gewinnen!
"Ha ha, versteh schon: die Kröten. Nun, daran soll's nicht fehlen. Ihr werdet euer Teil schon kriegen!"
Anja räusperte sich und hatte ihren Kehlkopf wieder im Griff. Tiefe Stimme, Anja, denk dran, du bist ein Junge!
"Ich glaube, wir sind nicht die, für die ihr uns haltet."
Er machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. "Wer ist schon der, für den man ihn hält! Ich bin auch nicht der, für den man mich hält."
Er stützte seine geballten Fäuste knöchelabwärts auf den Tisch und reckte sein Kinn vor: "Wofür haltet ihr denn zum Beispiel uns, ha?"
Schluss mit Ausweichen, sie saßen in der Sackgasse fest. Also Klartext, Anja!
"Ich halte euch für Piraten."
Er schlug ein dröhnendes Lachen an. "Wir? Piraten?" Er hielt sich den Bauch und konnte gar nicht aufhören.
Tim trug wieder seine steile Stirnfalte: "Dass euer Schiff keine schwarze Flagge trägt, kann doch Tarnung sein. Die Büttel haben euch auch für Piraten gehalten."
Das Lachen war augenblicklich vorbei.
"Schwarze Flagge? Piraten? Träumst du? Wir sind doch keine Piraten! Piraten rauben Silber und Gold und Edelsteine, morden, erpressen Lösegeld, überfallen Schiffe und nehmen Leute gefangen! Wir hingegen erringen unsere Beute in ehrlichem Kampf - wenn er sich nicht vermeiden lässt. Klar sind uns Schätze nicht unangenehm, klar hat dieses Schiff früher andere Besitzer gehabt. Aber kann man denn ein Schiff, dessen Besatzung auf dem Meeresboden liegt, herrenlos auf dem Meer treiben lassen? Wir haben auch gerne einmal Geldwert angenommen, der uns für die Befreiung eines Gefangenen angeboten wurde. Aber das wird uns wohl kaum jemand zum Vorwurf machen. Wo sollen wir wohl Piraten sein!"
"Ihr würdet also niemals jemanden gefangen halten?"
"Na, woher denn! Wir sind doch Menschenfreunde. Wendel!!!" Er hob ganz plötzlich die Stimme.
Der Schiffsjunge trat hastig ein. Seine Hose war von den Knien abwärts nass. Er trug eine grobe Bürste in der Hand.
"Komm her, mein Junge, sag unseren Gästen, ob wir Menschenfreunde sind!"
Wendel blickte unsicher von einem zum anderen.
"Mach den Mund auf, du elender Holzwurm: Sag, dass wir Menschenfreunde sind, sonst gibt's was mit dem Tauende!"
Wendel rieb sich den Rücken und nickte schnell: "Klar, Käpten, joho, Käpten, reine Menschenfreunde!"
"Na also, da seht ihr's! Geh wieder Deck schrubben. - Armes Schwein das!", meinte er noch: "Findelkind! Seine Eltern haben ihn vor den Toren eines Klosters ausgesetzt. Jetzt sind wir seine Familie. Reine Menschenfreunde!"
"Ich frage mich nur", hakte Tim nach, "warum ihr uns in dem Verschlag über Nacht eingeschlossen habt!"
"Ach das! Reine Vorsichtsmaßnahme."
"Damit wir nicht fliehen ..." "Damit ihr nicht ins Wasser fallt, ihr Naseweise!" Er lachte wieder dröhnend. "Ich weiß ja nicht, ob ihr könnt, was ihr sollt."
"Und was sollen wir nun können, eurer Meinung nach?"
"Schwimmen! Tauchen! War das nicht klar?"
Tim und Anja sahen sich verdutzt an.
"Aber das kann doch jedes Kind!" Anja schüttelte verwundert den Kopf.
"Es interessiert mich nicht, was jedes Kind kann. Ich will nur wissen, ob diese hier es können!"
"Na ja, ich hab' letztes Jahr Silber gemacht. Tim hat schon Gold. Das heißt: Die Bedingungen erfüll' ich auch, aber ich hab' die Prüfung noch nicht."
Der Pirat starrte sie mit großen Augen und offenem Mund an.
"Silber und Gold hab' ich verstanden. Also, da sind wir uns schon mal einig. Hab' ich das richtig verstanden, dass dieser hier der bessere Schwimmer ist?"
Er packte sie beide mit festem Griff am Nacken und schleppte sie nach draußen an die Reling.
"Na, dann zeig deine Kunst!" Er gab Tim einen kräftigen Stoß und kippte ihn über Bord.
Anja wand sich hilflos unter der eisenharten Pranke. Mit Schrecken war ihr eingefallen, dass Tim noch immer nicht sein Gedächtnis wiedergefunden hatte. Vielleicht hatte er auch das Schwimmen vergessen! Sie starrte in banger Erwartung auf die Stelle, wo er versunken war.